Kirchturmspitze - Foto: A. Füser

Zurück in den Regenwald

Eine Zeitlang im Ausland leben – das geht wohl an keinem spurlos vorbei. Ganz besonders aber hat es das Leben von unserem Pastor Frank Tiss und seiner Frau Christiane geprägt. Fünfzehn Jahre lebten sie und ihre drei Kinder in Brasilien, mitten unter Indigenen im Amazonasgebiet. Und dieses Frühjahr sind sie wieder dorthin gereist, in einer ganz besonderen Mission.

Frank ging als Auslandspfarrer der EKD nach Brasilien, in die Stadt Eirunepé, weit abgelegen im westlichen Amazonasgebiet. Er und Christiane, frisch gebackene Ärztin, waren entschlossen, nicht als die allwissenden Weißen aufzutreten, sondern vor allem erst einmal zu lernen und nach und nach herauszufinden, was von ihrem Wissen den Menschen dort vielleicht helfen könnte.

Immer wieder lebten sie wochenlang in kleinen Dörfern im Regenwald, wo die 7.000 Menschen des Volks der Kulina oder auch Madiha ihr Zuhause hatten. Eine Gemeinschaft, die auf Pfahlbauten unter Dächern, aber ohne feste Wände lebt. In der man daher immer in Hörweite ist und kaum etwas vor den anderen verbergen kann. Eine Gemeinschaft, in der einer für den anderen einsteht mit der Kultur des „manako“, des Abwechselns, wo jeder an die Reihe kommt und niemand außen vor gelassen wird.  Wo jeder von klein auf das einbringt, was er oder sie kann.

Aber heil war die Welt natürlich nicht. Die Madiha erlebten immer wieder, dass von offizieller Seite auf ihre Lebensweise und ihre Bedürfnisse kaum Rücksicht genommen wurde. Ihre Werte, ihre Art zu leben, ihre eigene Sprache, alles schien minderwertig zu sein, „primitiv“ eben. Ab und zu betäubten sie ihren Frust in gemeinsamen Alkoholgelagen. Das Schlimme daran: Betrunken konnten sie sich nicht mehr orientieren. Manche fielen ins Wasser und ertranken. Oder es kam zu Streitigkeiten und Gewalt.

Nach und nach lebten Christiane und Frank sich ein. Sie lernten die Sprache kennen; Frank erstellte die erste Grammatik der Sprache der Madiha. Er half bei der Umgrenzung ihres Gebietes und veranstaltete für sie Seminare zum Dialog zwischen Schamanismus und Christentum. Christiane entwickelte leicht zu wartende Wasserfilter zur Trinkwasserbereitung. Und sie fand mit den Schamanen Wege der Zusammenarbeit bei der Behandlung einiger Krankheiten.

Es ging ihnen also um Zusammenwirken statt Konkurrenz der Lebensformen – ein langer und umständlicher Weg, aber er war sanft und ohne Opfer und stärkte das Selbstbewusstsein der Madiha.

2009 verließ die Familie Brasilien und fasste Fuß in Celle. Vor einigen Jahren erfuhren sie von einem Problem, das immer mehr um sich griff: Die Suizidrate bei jungen Menschen stieg. Ihr eigenes Leben erschien ihnen hinterwäldlerisch und wertlos, verglichen mit dem in den Städten; andere Problem kamen dazu.

Frank und Christiane wollten versuchen, etwas für die jungen Menschen zu tun. 2023 und 2024 besuchten sie die Madiha erneut und führten viele Gespräche. Daraus entwickelten sie ein Seminar, in dem sie die Aufmerksamkeit der Jugendlichen auf all das Wertvolle richten wollten, das sie umgab, aber auf Augenhöhe und ohne Belehrung. So reisten sie in diesem Frühjahr wieder in die Dörfer, wo sie einst gewesen waren. Sie luden in drei Dörfern ein zum Thema “Wie kann ich ein gutes Leben führen?“ Die Resonanz war positiv, fast zu positiv, denn vom Kleinkind bis zu den Alten kamen alle Generationen, so wie die Madiha es gewohnt waren – und es kostete viel Überzeugungskunst, dass bitte die Jugendlichen hier ausnahmsweise unter sich sein sollten …

So konnten die jungen Menschen offen reden und die Gedankenanstöße aufgreifen: Wem seid ihr viel wert? Wer ist glücklich, wer ist traurig, wenn ihr es seid? Den Jugendlichen wurde bewusst, dass sie einen großen Schatz hatten: Sie waren Teil eines dichten Netzes aus tragfähigen Beziehungen. Eine Schwierigkeit: Über negative Gefühle wurde bei den Madiha kaum gesprochen. Wie also konnten die Jugendlichen lernen, mit Einsamkeit, Traurigkeit usw. umzugehen?

Christiane und Frank fanden einen Ansatz. Ein Gefühl gab es, das regelmäßig zur Sprache kam: Angst. Angst war handfest und alltäglich. Zum Beispiel wenn sich ein Fischernetz unter Wasser verfangen hatte und man danach tauchen musste – und wenn man wusste, das nächste Krokodil war nicht weit. In so einer Situation verpackte man seine Angst in einen Scherz – vielleicht etwas wie „na dann guten Appetit, ihr Krokodile!“ – und erledigte dann konzentriert und zügig seine Aufgabe. Vielleicht konnten die jungen Menschen auch andere Gefühle aussprechen und damit umgehen.

Konkret messen lässt sich der Erfolg der Seminare natürlich nicht. „Aber wir konnten vielleicht eine Reflexion in Gang setzen“, sagt Frank. Ein Bewusstsein schärfen für die Werte und die großen Schätze ihrer eigenen Kultur, so klein das Volk der Madiha auch sein mag und ob andere sie anerkennen oder nicht. Einige Dörfer haben im Kampf gegen den Alkohol einiges bewirkt. Vielleicht wird man auch die Suizidrate senken können? Christiane und Frank wollen jedenfalls weitermachen. Für 2027 haben schon weitere Dörfer nach Seminaren gefragt.

Ute Passarge

Musik

Die Madiha mögen Musik, und sie mögen Filmaufnahmen. Und so hat Frank zur Ermutigung ein Lied über sie und für sie geschrieben und mit Filmaufnahmen aus ihrer Heimat unterlegt. So können die Madiha  es sich auf Youtube ansehen. Unten finden Sie den Text in deutscher Übersetzung.

Madiha tikehenani

Madiha tikehenani – freut euch, ihr seid Madiha!

Refr.: Jungs, freut euch, ihr seid Madiha!
Junge Mädchen, freut euch, ihr seid Madiha!
Geht frohen Mutes vorwärts, denn ihr lebt euer Leben gemeinsam.
1) Am Morgen, wenn du aufwachst, hörst du im Dorf das Lachen anderer Madiha, die scherzend Stimmen nachahmen.
In deinem Haus facht bereits jemand das Feuer an, damit du dich später daran wärmen kannst.
Und du weißt: Du bist nicht allein.
2) Du gehst und trägst eine Last auf dem Rücken. Wird sie dir zu schwer, reicht es zu sagen: "Abwechseln!" Schon nimmt dir jemand die Last ab, und unbeschwert gehst du weiter.
Siehst du andere Madiha, die Honig wilder Bienen trinken, reicht es zu sagen: "Abwechseln!", und sogleich trinkst du den Honig aus den Waben, die sie dir in deine Hand geben.

Lesetipp

Wenn Sie mehr über die anderthalb Jahrzehnte von Familie Tiss bei den Kulina erfahren wollen und über ihre Rückkehr nach Deutschland, können Sie folgendes Buch von Frank Tiss bestellen: „Nach dem Regenwald ein Dschungel“, mabase Verlag, 15 €